Interview am 24.11.1992 im ARD Bayern-Journal um 18.30 h “Tagesthema”

“Giftige Weihnachten, Farbkerzen können Dioxine absondern”

Interview am 24.11.1992 in ARD Bayern- Journal 18.30 Uhr
“Tagesthema”

Redakteur im Studio: Heute lief eine Meldung über die Fernschreiber, die uns aufhorchen ließ.

Überschrift: “Giftige Weihnachten, Farbkerzen können Dioxine absondern”.

Und dann hieß es, vor allem bei blau violetten Kerzen. Solche könnten die Wohnungsluft mit dem Sevesogift Dioxin verseuchen. Schuld daran sei eine Chemikalie mit dem Namen Chloranil, die bei der Herstellung blau- violetter Farbstoffe verwendet wird. Dies alles eine Mitteilung der Verbraucherzentrale Niedersachsen.

Sind also farbige Kerzen möglicherweise gesundheitsschädlich, drohen unter Umständen schwere Vergiftungen, wenn solche blau-violetten Kerzen brennen?

Bei uns im Studio ist ein Mann, der es wissen muß, Dr. Thomas Wolff von der Gesellschaft für Umwelt und Strahlenforschung.

Redakteur: Sie sind Toxikologe. Sie beschäftigen sich mit der Wirkung von Giften. Nun war in der Meldung von Savesogift Dioxin die Rede. In hoher Konzentration. Was kann dieses Gift anrichten bei Menschen?

Dr. Wolff: Ja- wir wissen aus Unglücksfällen- der bekannte Fall aus Seveso- und aus früheren Fällen in der Industrie, daß dieses Gift vor alle, eine sehr schwer heilbare Hautkrankheit hervorruft, die sogenannte Chlorakne, und daß es wahrscheinlich auch zu Krebs führen kann, wenn es über längere Zeit in hochen Konzentrationen einwirkt.

Redakteur: Nun reden wir von hohen Konzentrationen, wenn so ein Lichterbaum mit violetten Kerzen brennt? Wie hoch wird die Konzentration in der Wochnungsluft sein?

Dr. Wolff: Ja, das ist natürlich eine Frage, die ich nicht mit einem Wort beantworten kann. Zunächst müssen wir mal darauf hinweisen, daß ein Dioxin, nicht das Sevesogift Dioxin, in diesem violetten Farbstoff enthalten ist.

Redakteur: Heißt das, daß ein Dioxin unter Umständen weniger giftig ist als dieses berühmte Sevesogift?

Dr. Wolff: Man muß ja wissen, daß meistens eine ganze Serie von dioxinähnlichen Stoffen vorkommt. Dieses ist nicht das Sevesogift Dioxin, das muß man ausdrücklich sagen, sondern ein tausendstel schwächer, und dieses kommt in doch sehr kleinen Mengen vor. Das ist gemessen worden. Jetze nimmt man an, wenn die Kerze brennt, dann gelangt das Gift in die Luft und die Leute atmen es ein. Nun ist die analytische Messung soweit gekommen, daß man Werte festgestellt hat, die zu einer sehr geringer Belastung führen, wenn man mal annimt, daß die Leute diese verdampfenden Dioxine einatmen. Und die sie länger einatmen, liegen in einer Größenordnung von etwa einigen Prozent der sowieso eingenommenen Dioxinmenge, die wir täglich durch die Nahrung aufnehmen.

Redakteur: Das war jetzt für den Laien ein bißchen kompliziert. Habe ich Sie recht verstanden, daß sie sagen, im Grund sind die Kerzen ungefährlich?

Dr. Wolff: Das muß man ganz deutlich sagen. Die Belastung, wie gesagt, ist so gering, daß sie unter der Belastung liegt, die wir täglich sowieso aufnehmen, und diese Belastung ist weit unter der Belastung, die beim Tier zum ersten Mal toxische Wirkung hervorruft.

Redakteur: Nun hatten sie gesagt, man nimmt ohnehin Dioxine durch die Nahrung auf. Wenn jetzt noch zusätzlich- ich sag jetzt mal durch Verbrennen der Kerzen- weiter Dioxin dazukommt, kann es nicht sein, daß sich das im Körper schließlich ansammelt und konzentriert und dann doch gefährlich wird?

Dr. Wolff: Nein, das ist nicht der Fall. Im Körper gibt es dann eine Sättigungskonzentration in einer gewisse Höhe, die aber haupsächlich sich im Fett findet und weit unter der Konzentration liegt, die zum ersten Mal Gifterscheinung hervorruft.

Redakteur: Also sie haben keine geschäftlichen Kontakte mit den Herstellern von lila Kerzen.

Dr. Wolff: Nein, durchaus nicht.

Redakteur: Ich meine, selbst wenn das jetzt, wie sie sagen, so ungefährlich ist, daß man es eigentlich- bitte korrigieren sie mich- eigentlich vernachlässigen kann. Man hat trotzdem den Eindruck, daß man inzwichen in einer Welt lebt, die fast zu gefährlich ist fürs Leben.

Dr. Wolff: Ja ich glaube, wenn man sich auf das verläßt, was in den Zeitungen steht und manchmal auch im Fernsehen zu hören ist, dann kann man beunruhigt sein. Leider werden aber oft die Toxikologen nicht gefragt, und es ist einfach schlimm zu hören, daß die Leute verunsichert werden durch die Nennung des Giftes und niemand danach fragt, wieviel Gift ist denn da wirklich da. Wieviel kann der Mensch denn nun eigentlich aufnehmen.

Radakteur: Herr Dr. Wolff, tut mir leid, ich hätte jetzt gerne noch weiter mit ihnen geplaudert, ab sie wissen, bei uns geht es immer nach der Zeit, und die ist vorbei.
Herzlichen Dank, daß sie da waren und das ein bisschen eingeordnet hatten. Dr. Thomas Wolff war das von der Münchener Gesellschaft für Umwelt und Strahlendforschung

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1992 – VDK – Interview ARD Bayern-Journal mit Dr. Wolff – Giftige Weihnachten… (pdf)